»Schöne Grüße aus der DDR«

»Schöne Grüße aus der DDR«
Greiz war die zehnte Station der Lesreise quer durch Deutschland.

Roman Grafe und Dietmar Riemann präsentieren Bilder und Texte aus der »Endzeitstimmung«

GREIZ. Im Jahr 25 der Wiedervereinigung polarisiert das Thema „Realität in der DDR“ noch immer die Menschen. So auch am Freitagabend, als Autor Roman Grafe und Fotograf Dietmar Riemann in den Weißen Saal des Unteren Schlosses einluden, um den Band „Schöne Grüße aus der DDR“ vorzustellen. Die Stadt Greiz war eine von zehn Stationen mit fünfundzwanzig Veranstaltungen, die Grafe und Riemann in den letzten Tagen absolvierten. Aus dem im Jahr 2012 im Mitteldeutschen Verlag erschienen Buch, das 150 Fotos aus den Jahren 1975 bis 1989 sowie Texte präsentiert, hatten Grafe und Riemann 35 Bilder und zwölf Texte ausgesucht. Die Schwarz-weiß-Fotos zeigten unterschiedlichste Themen: Das Brandenburger Tor, die Mauer, sozialistische Wartegemeinschaften, fünf Kinder unter einer Plane im Regen, ein Mädchen auf dem Fensterbrett, alte Frauen beim Fenstertratsch, eine Baustelle, ein Ladengeschäft, auf dessen geschlossener Jalousie an Tür und Schaufenster Es ist offen steht.

Das eigene Leben zu erkennen, aber auch zu erinnern und aufzuklären wollen die Autoren dieses Bandes erreichen. Es gibt Menschen, die haben sich mit den Verhältnissen in der DDR eingerichtet, manche waren an den Rand gedrängt und manche sogar heruntergefallen, erklärte Roman Grafe, 1968 im ostdeutschen Norden geboren und 1989 nach vier Jahren des Wartens in den Westen übergesiedelt. Zu den Bildern, die sekundenlang wirkten, las Grafe als Pendant Texte: Wer zuletzt lacht, lacht im Westen; Ich bin stolz auf mein Halstuch oder Bockwurst. Brötchen, Senf.

Nach dem Vortrag ratlose Stille im Saal. Zur Diskussion aufgefordert, endlich eine erste Meinung. Eckhard Kiesling fand den Vortrag bedrückend, denn er spiegle nicht die Wirklichkeit wider. Sie zeigten nur das Negative, meinte der gebürtige Leipziger, der seit einigen Jahren in Greiz lebt. Bernd Rudolph fand die Vorstellung deprimierend, denn uns ging`s doch gut, wie der 45-Jährige meinte. Das unterstrich auch seine Mutter, 1934 in Greiz geboren. Sie hätte gern die neu entstandenen, grünen Städte gesehen oder die schönen FDGB-Ferienheime. Eine gewisse Bitterkeit fühlte ein weiterer der ein Dutzend Gäste. Der 67-Jährige vermisste die Aufnahme eines Bürgers, der mit leuchtenden Augen und einem gerade ergatterten Trabbi-Reifen aus dem Laden tritt. Auch das würde zur DDR-Zeit gehören, wie er unterstrich. Ein anderer Besucher warf ein, wie schön es doch wäre, diese Bilder anschauen und hier gemeinsam sitzen zu können. Die Präsentation sei allerdings nicht hilfreich für das Zusammenwachsen beider deutscher Staaten.

Die Projektion der Bilder und Texte vermitteln einen Eindruck, wie es zu DDR-Zeiten war, unterstrich Roman Grafe. Der Titel Schöne Grüße aus dem Osten sei natürlich ironisch gemeint und kündige nicht die Darbietung schöner Postkarten an. Der diplomierte Fotograf Dietmar Riemann, 1950 in Sachsen geboren und seit seiner Ausreise in der Nähe von Heidelberg lebend, verwies auf die ganz eigene Sicht eines Künstlers. Während der jahrelangen Wartezeit auf die Ausreise war sein Tagebuch Laufzettel entstanden, das authentisch und eindrücklich das Hoffen und Bangen der jungen Familie Riemann dokumentiert. Am Freitagabend las Dietmar Riemann seinen autobiographischen Text aus dem Buch „Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR“. Darin schildert er, wie er einem Anwerbungsversuch der Staatssicherheit mit List und Schlauheit widerstand.

Die Diskussion über das Thema Es war doch eigentlich alles gar nicht so schlecht in der DDR höre er oft, wie Roman Grafe abschließend sagte. Das ist eine krasse Form von Wirklichkeitsverweigerung, warum das so sei, wisse er auch nicht. Im Umkehrschluss bedeute das nämlich: Wir haben es uns gut gehen lassen, als es anderen schlecht ging   den Unangepassten, den politischen Häftlingen, den gescheiterten Flüchtlingen und ihren Angehörigen.

Info: Riemann, Dietmar: Schöne Grüße aus der DDR, Fotografien 1975-1989, Bildband mit Texten von Roman Grafe, 128 Seiten, gebunden, 220x270mm, 24,95 Euro, Mitteldeutscher Verlag 2012, ISBN 978-3-89812-943-5

Antje-Gesine Marsch @07.02.2014

2 Kommentare zu »Schöne Grüße aus der DDR«

  1. Aber Herr Röder, dieser Herr Grafe tut doch nichts anderes als das, was mancher sogenannte „Schriftsteller“ in der DDR auch gemacht hat, er schreibt das, was von „Oben“ gehört werden will. Da das im gegenwärtigen Trend liegt, findet er Sposoren und erhält u.U. noch Fördergelder.
    Irgendwie muß der arme Kerl doch seinen Lebensunterhalt verdienen. Er ist halt ein Kind der DDR, er schwimmt mit dem Strom.
    Aber mal wirklich:
    Es werden heute zu jedem Ereignis Umfragen gemacht (lohnt sich bestimmt, finanziell), aber ich habe noch keine Umfrage erlebt, die sich auf die Zufriedenheit und Sicherheit der ehemaligen Ost-Bürger gegenüber den Jetzt-Zuständen beziehen. Ja klar, das wäre nicht im Interesse der „Obrigkeit“.
    Fakt ist aber für mich eins: Das Zusammengehörigkeisgefühl und die gegenseitige Hilfe, die Selbstverständlichkeit von Vereinsarbeit war zu DDR-Zeiten wesentlich stärker ausgeprägt als heute. Was heute als Besonderheit in dieser Richtung dargestellt wird, war damals fast normal.
    Also Herr Röder, sehen wir doch mal in 5 oder spätestens 10 Jahren nach, was aus diesem Herrn Grafe geworden ist.

  2. Ich bin dort nicht hin, weil ich „Roman Grafe“ zuvor gegoogelt hatte. Wenn man nur seine eigene Meinung (wohl eher: subjektive, persönliche Sichtweise) duldet, sollte man solche Lesungen nur im eigenen Wohnzimmer machen. Die „Entfernung“ einer Lehrerin nach dem Spruch „Wer sich nichts zu schulden kommen ließ, hatte auch nichts zu befürchten“ (mit ähnlichen Argumenten wird heute beim NSA-Skandal um sich geworfen) von der Schulrektorin zu verlangen oder der Tochter (!) einer Kindergärtnerin vorzuwerfen, deren Mutter wäre verantwortlich dafür, dass „Kinder ideologisch indoktriniert wurden“ (beides in Meck-Pom passiert), geht dann wohl „etwas“ weit. Selbst wenn man die DDR so negativ erlebt hat wie Herr Grafe. Aber nicht jeder hieß Grafe…. und war deshalb noch lange nicht „angepasst“. Sondern vielleicht einfach nur entspannter als so mancher heute? Insofern schön, dass in Greiz Menschen ihre Sichtweise dagegen gehalten und klarstellen, dass man in der DDR nicht 24/7 in Ketten und Büßerhemd herum lief. Auch wenn sicher niemand von den die DDR wieder haben will (so wie sie war).

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