Fürstliche Geschichte und regionale Identität

Ausstellung Heinrich der Unartige im Unteren Schloss eröffnet
Dr. Gisela Baronin Schenck zu Schweinsberg überreicht Rainer Koch acht Fächer, die einst ihrer Großmutter, Prinzessin Ida gehörten. Bürgermeister Grüner (r.) bedankt sich.

Die Geschichte Ostthüringens und die Stadt Greiz sind untrennbar mit der Adelsfamilie Reuß verbunden.

GREIZ. Ihre während des Mittelalters bedeutende Stellung als Vögte der staufischen Kaiser verlieh dem Vogtland seinen heutigen Namen und noch bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Region nach den beiden reußischen Fürstentümern Gera und Greiz allgemein als Reußenland bezeichnet.

Die Verbundenheit der Region mit der Familie des ehemaligen Fürstenhauses zeigte sich erst kürzlich in der großen Anteilnahme, die dem Ableben des Fürsten Reuß Heinrich IV. aus dem Hause Köstritz entgegengebracht wurde.
Der am 20. Juni 2012 im Kreis seiner Familie im Alter von 92 Jahren verstorbene Fürst Heinrich IV. wurde am vergangenen Samstag auf seinem Wohnsitz im Park von Schloss Ernstbrunn bei Wien beigesetzt.

In Erstbrunn lebte der Fürst seit der 1945 erfolgten Enteignung seines Köstritzer Besitzes durch die Behörden der sowjetischen Besatzung.
Sein 1955 geborener Sohn Heinrich XIV. ist jetzt Oberhaupt der Familie und nennt sich selbst Fürst Reuß.
Von den beiden bis 1918 bestehenden reußischen Fürstentümern zeugen heute vor Allem die zahlreichen Schlösser und Parkanlagen in den ehemaligen Residenzorten der Region, wie Gera, Greiz, Köstritz oder Schleiz.

Besonders in Greiz, der ehemaligen Hauptstadt des Fürstentums Reuß Aelterer Linie, hat sich diese Residenzkultur als eindrucksvolles Ensemble aus Unterem und Oberem Schloss, Sommerpalais und weitläufigem Greizer Park erhalten.
Die Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz präsentieren mit ihrer Dauerausstellung Vom Land der Vögte zum Fürstentum Reuss älterer Linie seit November 2010 diese einmalige Geschichte der Region und vermitteln einen nachhaltigen Eindruck von der engen historischen Verbindung zum Fürstenhaus Reuß.
Von der mittelalterlichen Burganlage mit romanischer Doppelkapelle bis zu den prächtigen Ausbauten im Rokoko-Stil unter dem ersten Greizer Fürsten Heinrich XI. bietet die Ausstellung als interaktives Familienmuseum einen abwechslungsreichen Rundgang durch die reußische Geschichte und das Obere Schloss Greiz.
Im Unteren Schloss setzt sich diese Ausstellung zur 700-jährigen selbstständigen Landesgeschichte in den authentischen Wohnräumen der fürstlichen Familie mit den historischen Raumfassungen des 19. Jahrhunderts fort.

Unser Ziel ist es, den Besuchern ein Gefühl für die Bedeutung der Geschichte des souveränen Landes mit der Landeshauptstadt Greiz zu vermitteln, welche auf das Engste mit den Fürsten Reuss Aelterer Linie verknüpft ist und sich in der bauhistorischen Stilistik der Residenzarchitektur wiederfindet. Die Dauerausstellung im Oberen und Unteren Schloss bildet eine Symbiose durch die Verknüpfung der bauhistorischen Befunde von der Romanik bis zum Jugendstil mit den entsprechenden Ereignissen und Persönlichkeiten der Landesgeschichte des Fürstentums. (Museumsdirektor R. Koch)
Dieser Einklang von Residenzarchitektur und reußischer Landesgeschichte wird aktuell eindrucksvoll erlebbar durch die bis zum 2. September verlängerte Sonderausstellung Fürst Heinrich der Unartige Zum 110. Todestag von Heinrich XXII., dem letzten regierenden Fürst Reuss Aelterer Linie.
Mehr als drei Jahrzehnte hat der 1902 verstorbene Heinrich XXII. die Geschicke seines kleinen Fürstentums geleitet und während der Epoche der Industrialisierung in seiner Residenzstadt Greiz bis heute unübersehbaren Spuren hinterlassen.

So geht die reizvolle Umgestaltung des Greizer Parks zu einem der schönsten englischen Landschaftsparks Deutschlands und die Erweiterung des Unteren Schlosses durch das prächtige Ida-Palais auf die Initiative Fürst Heinrich XXII. zurück.

Mit historischen Objekten, Bildern, Filmen und Karikaturen wird dabei an einen der bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten Fürsten der Greizer Geschichte erinnert, der manchen seiner Zeitgenossen als treusorgender Landesvater, den anderen aber als ein eher wunderlicher und politisch starrsinniger Monarch, eben als Heinrich der Unartige, galt.
Mit der Abdankung der Monarchie in der Novemberevolution von 1918 und der Beisetzung des letzten Greizer Fürsten Heinrich XXIV. im Jahr 1927 endete die 700-jährige Geschichte der Reussen in Greiz, doch blieb die Familie der Stadt und der Region tief verbunden.

Diese Tradition pflegte auch der nun verstorbene Fürst Heinrich IV. Reuss, der die ehemalige fürstliche Residenzstadt Geiz anlässlich des Tages der Deutschen Einheit 1990 und in der Folgezeit bei zahlreichen Familientagen regelmäßig besuchte.

Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz @11.07.2012

2 Kommentare zu Fürstliche Geschichte und regionale Identität

  1. Bei allem Geschichtsbewußtsein, vorbei ist vorbei. Und wenn ein „Fürst“ in einer Anzeige in der Zeitung als „Herr zu Greiz“ betitelt wird, dann hat das schon einen sonderbaren Beigeschmack für mich. Denn diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei!

  2. Man kann wirklich nur den Hut ziehen vor der reußischen Landeskultur insbesondere vor Heinrich XXII. Die Stadt blühte auf, es gab eine Unmenge an neuen Industrieansliedlungen, viele neue Bauten entstanden. Aus Staatsschulden wurde ein solider Haushalt. Die Kinder wurden erstklassig erzogen. Insbesondere Tochter Hermine als letzte deutsche Kaiserin ist ein Beleg dafür. Politisch war er geradlinig, sicher für Preußen oft unbequem – warum nicht ? Es gab in der deutschen Geschichte nur wenig „Friedensfürsten“ wie ihn. Groteskerweise stimmte er ja damals im Reichstag als einziger gegen das Sozialistengesetz, als „Dank“ dafür wurde auch Reuß 1918 durch die Sozialdemokraten abgewickelt.

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