Wie Greiz sich anno 1770 gegen Seuchen wehrte

Alte Greizer Ansicht
Greiz

Aus einem Aufsatz von Prof. Dr. Dr. Albert Kukowka, langjähriger Ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses Greiz, dessen Geburtstag sich im April zum 125. Mal jährt

GREIZ. „Hoher Schnee lag auf den engen Straßen und den Dächern der Häuser von Greiz. Die Stadt sah wirklich schmuck aus in ihrem Winterkleid, jedenfalls besser als sonst. Der Schmutz der Straßen, die holprigen Katzenköpfe und die vielen Pfützen waren verdeckt von dem weißen Teppich. Wuchtig thronte auf dem verschneiten Schlossberg die schneebedeckte Burg der Reußen.
Ein eisiger Wind fegte um alle Ecken. Aber das Leben in der Stadt war nicht ausgestorben.
Es war ja Silvester, der letzte Tag Anno 1770. Geschäftig trotteten Männlein und Weiblein durch den tiefen Schnee, um im „Braustübel”, beim Bäcker und beim Fleischer die letzten Einkäufe für die nächtliche Feier zu besorgen.
Auch sonst war der Tag anders als die anderen. Irgend etwas lag in der Luft. Niemand war es entgangen, daß die Wachen an den Toren der Stadt seit den Morgenstunden verstärkt waren. Vielleicht wollte die Obrigkeit löblicherweise Vorsorge treffen, damit in der Silvesternacht die ehrsamen Bürger der Stadt nicht durch halbstarke und randalierende Burschen aus der Umgebung gestört werden.
Der alte brave Weber Matthias Schneider ging gemächlich die Siebenhitze entlang. Er wollte gern noch manches einkaufen, aber das machte ihm Kopfschmerzen, denn in seiner Tasche fand er nur wenige Groschen.
Plötzlich machte er einen großen Sprung, und mit einem nicht weniger kräftigen Fluch rettete er sich schnell auf die äußere Straßenseite. Beinahe wäre ihm ein Schlitten in die Beine gefahren.
Denn heute gehörte die Straße den Kindern. Jede Gelegenheit nutzten sie, um Straßen und Gassen mit ihren Schlitten zu beherrschen. Ihr gutes Recht. Wozu hatte ihnen der Weihnachtsmann vor ein paar Tagen die Schlitten geschenkt? Natürlich wären sie gern den Schlossberg heruntergerodelt, aber wer hätte es gewagt, den Schnee auf dem hochgräflichen Hoheitsgebiet zu missbrauchen?
Schon setzte der brave Matthias Schneider, nachdem er sich vom ersten Schreck erholt hatte, den übermütigen Buben nach, um sie für den Schabernack mit einer Tracht Prügel zu bedenken, denn er war trotz vieler Arbeit und kargen Lohns ein braver Untertan und sorgte in jeder Lebenslage für Ordnung und Subordination.
Da wurde sein erzieherischer Drang plötzlich gehemmt. Nicht weit entfernt stand die hohe Obrigkeit in Gestalt des Polizisten Adolf Stößlreißer mit seinem mächtigen Schnauzbart. Im Takt, genau nach der Dienstvorschrift, schwenkte er die Amtsglocke, und mit Stentorstimme sprach er zu, dem bereits in großer Anzahl versammelten Volk: „Ihr Bürger von Greiz! Ich gebe kund und zu wissen, alldieweil und sintemalen unseren geliebten hochwohllöblichen Grafen und auch Euch, den Untertanen, alt und jung, eine große Gefahr dreuhet, also haben Dero Gnaden geruht, Euch folgendes Mandat gnädigst kundzutun.”
Hier machte er eine kleine Pause, nicht nur, um sich an der Wirkung seiner Amtshandlung zu weiden, auch aus einem anderen Grunde. Vernehmlich und erfolgreich schneuzte er seine ansehnliche, durch die Kälte recht stark triefende Nase. Er tat es achtunggebietend und mit großem Zeremoniell.
Angesichts des beißenden Frostes hätte er in diesem Moment viel lieber das Branntweinfläschchen benutzt, das wohlverwahrt in der Patronentasche lag. Aber das hätte seiner Autorität Abbruch getan.
Verärgert begnügte er sich also in strammer Haltung als Ersatz mit einer voluminösen Portion des kräftigen Schmalzlers aus seiner mächtigen,Schnupftabakdose. Die alten Spuren des fetten Schnupftabaks waren deutlich am Uniformrock erkenntlich. Manche begannen zu schmunzeln. Dieses unbotmäßige Verhalten unterdrückte Adolf Stößlreißer energisch und prompt mit grimmigem Blick und einem grollenden, bedrohlich ausgestoßenen „Silentium”! Und dann fuhr er in seiner Amtshandlung fort.
Nochmals ließ er kurz, ruckartig die Glocke ertönen, entrollte ein mit fünf Siegeln versehenes großes Papier und verkündete dem gehorsamst und untertänigst zuhörendem Volke:

„WiR Heinrich der Andere, Stammes Aeltester, Heinrich der Zwölfte, Heinrich der Elfte, Heinrich der Vier und Zwanzigste, und Heinrich der Dreysigste,
Sämtliche Eltere und Jüngere Reußen, Grafen und Herren von Plauen, Herren zu Greiz, Crannichfeld, Gera, Schleiz und Lobenstein. Fügen, nebst Entbietung Unsers gnädigsten Grußes, denen von der Ritterschaft, Amtleuten, Schößern, Stadt und Land-Richtern, Bürgermeistern und Räthen in Städten, Verwaltern, Richtern, Schultheißen und Gemeinden Unserer Herrschaften und insgemein allen Unsern Unterthanen zu wissen: Nachdem, wie bekannt, in denen Gemeinden der Moldau und Wallachey, auch in Pohlen, durch epidemische Kranckheiten eine große Anzahl Menschen sterben, dieserwegen auch bereits von benachbarten Reichs-Ständen zu Abwendung besorgender weitern Ausbreitung dienende Veranstaltungen gemacht werden: Daß Wir, obgleich der allerhöchste Gott uns, aus Gnaden, noch mit dergleichen Kranckheiten verschonet, jedoch aus gleichmäßiger Landesväterlicher Fürsorge, dem löblichen Vorgang anderer Reichs-Stände beytreten und in Zeiten alles mögliche, so viel an Uns ist, vorkehren wollen. Und weiln daher nöthig, daß alle Fremde, die aus denen Gegenden der Moldau und Wallachey durch Pohlen, Schlesien, Oesterreich, Böhmen kommen, nicht ohne glaubwürdige Zeugniße eingelassen werden; Als wird denen von der Ritterschaft, Amtleuten, Schößern, Stadt- und Land-Richtern, Bürgermeistern und Räthen in denen Städten, Verwaltern, Richtern und Schultheißen derer Gemeinden, auch allen andern Unsern Unterthanen hiermit ernstlich befohlen und auferleget, an denen Grenzen und Pässen, auch sonst in Städten und Dörfern, mit Bestellung tüchtiger Wachen sonderlich aber genauer Examination obbemeldeter Fremden ihrer Pässe und Zeugnisse, daß sie von keinen gefährlichen oder verdächtigen Orten herkommen, binnen Sechs Wochen in- und bey dergleichen sich nicht befunden, keine Waaren daselbst geladen, oder unterwegs inficirte oder auch nur verdächtige Orte berühret, ungesäumt dergestaltige Verfügung zu thun, damit weder jemand, ohne daß die GesundheitsPäße oder die, der gehaltenen Quarantaine halber, bey sich habende Attestete, oder, wofern diese etwa unter wegens irgend wo abgegeben werden müssen, die statt deren gegebene glaubwürdige Bescheinigungen über deren Production und Abgebung, in allen richtig befunden worden, eingelassen, noch bis zu anderweitiger Verordnung, aus Eingangs erwehnten, epidemischer Kranckheiten halber, verdächtigen Landen, etwas von Waaren, so leichtlich Gift fangen, als Pelzwerk, Wolle, wollenen Zeugen, Leinwand, Garn, Flachs, Cameel- und anderen Haaren, Kleidern, Tuchen und dergleichen ins Land gebracht; auch, daß von denenjenigen, welchen die Wache anbefohlen und die die Reisenden wegen ihrer Pässe zu befragen haben, nicht um Gabe, Geschenk, Freundschaft oder anderer Ursache willen, das geringste nachgesehen werde. Alles bey Vermeidung schwerer Verantwortung und Strafe gegen die Verbrecher und diejenigen, die sich dieser Verordnung zuwider, einschleichen möchten, weswegen dann überall tüchtige Personen zur Wache zu bestellen, und diese, ob sie ihrer Schuldigkeit gebührend nachkommen, von denen Vorgesetzten, und auf dem Lande von Richter und Schultheißen, bey Vermeidung scharfen Einsehens und Bestrafung, fleißig zu visitiren sind. Diejenigen aber, die außer Landes zu verreisen Willens oder Waaren verschicken, sollen sowohl in Ansehung derer Personen als Gütere, mit Gesundheits-Päßen sich versehen. Wornach sich also männiglich zu achten. Urkund dessen haben Wir dieses Mandat nicht alleine eigenhändig unterschrieben und mit Unsern gewöhnlichen Hand-Signetten wissendlich besiegeln lassen, sondern auch dasselbe in Abdruck aller Orten bekannt zu machen befohlen. So geschehen, den 31sten December 1770.-

Schwer atmete der Polizist auf, als er endlich das lange Mandat beendet hatte. Es war ihm Wirklich nicht leicht gefallen. Oft musste er sich räuspern, um nicht über schwierige Worte, die er falsch betonte, vollends zu stolpern.
Und oft musste er die tropfende Nase wischen. Außerdem war er sichtlich verärgert und verschnupft darüber, dass die hochwohllöblichen Grafen in so wenig respektierlicher Art die Unbestechlichkeit der Wachorgane in Zweifel gezogen haben.
Aber sofort unterdrückte er seine aufrührerischen Gedanken. Denn wie lautet die Parole: die Obrigkeit hat immer recht.
Basta: Er genehmigte sich eine neue Portion des kräftigen Schmalzlers, und damit war seine seelische Harmonie schnell wiederhergestellt. Und dann ging’s stracks ins „Braustübel”, wo ihn der freigebige Wirt mit devoter Verbeugung begrüßte und ihm sofort einen „Echten Grazer” und alsbald hernach einen doppelten Branntwein kredenzte.
Das Volk auf der Straße diskutierte noch lange über das Mandat und lobte die Weisheit und Fürsorge der Landesherren. Nur war man sich nicht ganz einig darüber, ob es den Wachen gelingen werde, den Geschenken der Fremden zu widerstehen.
Allmählich leerten sich die Straßen und Gassen. Tief beeindruckt von den Nachrichten und voll banger Angst erwarteten die Greizer das neue Jahr.
Silvester 1770 war ihnen verleidet. Das Ratsstübel, das gerade heute so viele Gäste erwartet hatte, war leer. Traurig saß der enttäuschte Wirt hinter seinem Schanktisch und unterhielt sich nur zögernd mit Adolf Stößlreißer.
Der aber trank immer wieder sein Gläschen Branntwein. Denn Branntwein sei doch so gut gegen allerlei Seuchen, suchte er dem sichtlich schläfrigen und gelangweilten Gastwirt immer wieder zu beweisen.
Am Vormittag des Neujahrstages 1771 traf Adolf Stößlreißer, nachdem er seinen schweren Rausch ausgeschlafen hatte, den ehrwürdigen Stadtphysikus. Er salutierte und sprach mit heiserer, verrosteter Stimme, vorsorglich die Hand vor den Mund haltend: „Ein gesegnetes neues Jahr, Ew. Hochwohlgeboren! Permittieren, gehorsamst mit Verlaub zu fragen, wie schützt man sich am besten gegen die also drohende Seuche?”
Der Physikus lüftete seinen Zylinder, putzte umständlich seine Brille und sprach mit wohlgesetzten Worten: „In casu einer Epidemie sei prima vermerkt — Reinlichkeit der Persona; secundo Reinlichkeit der Stadt und der Brunnen und tertio et ultimo — ein gefährlich Gift ist der Brandewein!”
Stelreißer hielt schnell die Hand vor den Mund, salutierte kurz und entschwand eiligst den Blicken des verduzten Physikus. Am zweiten Januarius Anno 1771 tagte der Rat der Stadt, und in den nächsten Tagen konnten die Bürger von Greiz ein neues Mandat an allen Mauern der öffentlichen Gebäude lesen.
Da war allerlei wichtiges vermerkt, geboten und verboten: Jeder kehre vor seiner Tür. Unrat auf Straßen und Wegen, in Häusern und Höfen ist bei Androhung hochnotpeinlicher Strafen sofort zu beseitigen und auf der Stadtwiese beizeiten zu verbrennen.
Händereichen ist verboten. Defäkieren und Vomitieren auf Straßen und Wegen wird mit Karzer gesühnt.
Derogleichen nicht an Wänden und Zäunen das Wasser abschlagen, wie es Hunden und anderen Getier beliebt. Männer und Frauen sowie auch Kinder müssen zu jeder Tages- und Nachtzeit saubere Schneuztüchlein bei sich tragen.
Der Hofapotheker ist gehalten, für Jedermanns stillen Örtchen im Hof gechlorten Kalk zu wohlfeilem Preis bereitzustellen.
Der Verbrauch von Seife und Soda muss fleißig erhöhet werden, denn dies ist ein Zeichen höherer Kultur.
Wasser muss vor dem Gebrauch und Genuß recht gut gekocht werden. Item Gemüse und Fleisch und Fisch gründlich waschen und nur nach langem Kochen oder tüchtigem Braten am Spieß oder in der Pfanne genießen.
Alkohol von jeder Art und Menge ist nur vom Hofapotheker und nur gegen Rezeptur des Physikus erhältlich etc.
Die Greizer befolgten als gehorsame reußische Untertanen alle obrigkeitlichen Mandate. Und die Stadt blieb verschont von der drohenden Seuche. Und seither war Greiz eine lange Zeit berühmt wegen seiner sauberen Straßen und weit und breit bekannt und benannt als „Perle des Vogtlands”.

Quelle: PROF. DR. DR. ALBERT KUKOWKA, Heimatbote Juni 1962

Antje-Gesine Marsch @08.02.3019