Dr. Horst Kämpf: Deutschland ist Vulkanland

Dr Horst Kämpf sprach bei „Prominente im Gespräch“ über den Vulkanismus und kam zu der Erkenntnis „Deutschland ist Vulkanland“

GREIZ. „Deutschland ist Vulkanland. Das weiß nur noch niemand.“ Diese Erkenntnis stellte Dr. Horst Kämpf vom Deutschen GeoForschungszentrum Potsdam am Freitagabend im Weißen Saal des Unteren Schlosses vor zahlreichen Interessierten in den Mittelpunkt seiner Ausführungen.

Anhand des quartären Vulkanismus in der Eifel und dem Laacher See als Beispiel für die Erforschung eines der jüngsten Vulkane Deutschlands stieg Dr. Kämpf in den Vortrag ein. Doch zunächst gab es einen Seitenhieb auf die deutsche Bildungspolitik: Geowissenschaftliche Grundkenntnisse würden an deutschen Schulen meist nur unzureichend vermittelt, da Geografie in einigen Bundesländern mittlerweile als rein sozialwissenschaftliches Fach betrachtet werde. Geografielehrer hätten oft keine naturwissenschaftliche Grundausbildung mehr, „die zum Verständnis der Geowissenschaften unerlässlich ist.“

Die Geowissenschaften sind historische Naturwissenschaften. Das Alter der Erde beträgt 4,6 Mrd. Jahre. Ein wesentliches Ziel geowissenschaftlicher Grundlagenforschung sei die Untersuchung der Erdgeschichte, wobei neben geologischen, geochemischen, geophysikalischen und geodätischen Verfahren zunehmend auch geomikrobiologische Metoden eingesetzt werden. Die Rekonstruktion der Zeit eines Ereignisses spiele dabei ein entscheidende Rolle, um vergangene Vorgänge einordnen zu können, so der Wissenschaftler. Insofern ähnle die Arbeitsweise von Geowissenschaftlern meist der von Rechtsmedizinern, da „verstorbene ehemalige Patienten“ untersucht werden – und zwar die von außergewöhnlichen „Todesfällen“.
Vergleichbar zur Kriminalistik sind Geowissenschaftler meistens gezwungen „Indizienprozesse“ zu führen. „Das ist unser Problem“, beschreibt Dr. Kämpf.
Vulkanismus, Erdbeben und Klimawandel gehören derzeit zu den wichtigsten in der Öffentlichkeit wahrgenommen geowissenschaftlichen Themen. Doch kann man Vulkanausbrüche und Erdbeben voraussagen? „Bislang nein“, so die Antwort des Wissenschaftlers.
Die Gründe liegen nach Meinung von Kämpf klar auf der Hand: „Weil wir von der Vorhersage von seismischen Ereignissen bzw. magmatischen und vulkanischen Aktivitäten noch sehr weit entfernt sind.“
Dabei biete sich ein Vergleich mit der Meteorologie an – um deutlich zu machen, wie weit man in der Untersuchung der festen Erde hinter den Wetterkundlern noch hinterher hinke. Wetterprognosen basieren auf den Daten von 320 Beobachtungsstationen am Boden, 14 in der Atmosphäre und der Nutzung von Wettermodellen, die international koordiniert sind. Vielleicht sei man in einhundert Jahren auch soweit, die Erde ähnlich dicht für die Geowissenschaften zu verkabeln, nannte Dr. Kämpf als erstrebenswertes Ziel.

Punktuell auf das Vogtland wurde im zweiten Teil des Vortrags eingegangen. Im Jahr 1985 begannen die Zeitreihenuntersuchungen an Mineralwässern im Vogtland. Bereits seit Mitte der 1980er Jahre sei er auch in Greiz unterwegs gewesen“, sagt Dr. Kämpf. Zum Glücksumstand avancierte, dass sich während der Messreihe starke Schwarmbeben mit einer Magnitude von 4,5 ereigneten.
In den Jahren 1991 bis 2001 wurde die Mantelentgasung im Vogtland systematisch kartiert.
Die Zeitreihenuntersuchungen zur Zusammensetzung und Isotopie von Gasen erfolgte in den Jahren 2000 bis 2003 und 2005 bis 2011 in zwei-bis sechswöchigen Abständen. Dabei kam es zu mehreren überraschenden Entdeckungen zum Thema Mantelgase.
In den Jahren 1997 bis 2016 wurden mit Geophysikern zwei unbekannte Maare quartären Alters entdeckt.
Bereits im Jahr 2004 begannen die Vorbereitungsarbeiten zum Tiefenobservatorium „Eger Rift“.
Der CO²-Gasfluss wurde in enger Zusammenarbeit mit Geomikrobiologen zur Zusammensetzung der Lebewelt in der tiefen Biosphäre im Jahr 2007 auf den Weg gebracht.
Dabei kam man zu wertvollen Schlussfolgerungen, die Zusammensetzung der Lebenswelt in der tiefen Biosphäre betreffend.
Das Vogtland sei für seine zahlreichen Schwarmbeben bekannt, die seit einigen Jahren regelmäßig die Region erschüttern.
Messungen in zahlreichen Thermalquellen der Großregion zeigen einen steigenden Anteil von Helium-3-Gas.
Zusammen mit den Schwarmbeben sind diese Messungen eine Zeichen dafür, dass unter der Region eine große Magmakammer aktiv ist – hier besonders im Cheb-Becken und in Westsachsen. „Sehr interessant“ sei vor allem die Gegend um Werdau, Ebersbrunn und Zwickau als reines Vulkangebiet.
Somit sei der Vulkanismus der Region nur als ruhend, aber nicht als erloschen zu bezeichnen. „Zukünftige Ausbrüche sind durchaus wahrscheinlich. Nur weiß man noch nicht, wo und wann“, so die nüchterne Antwort des Wissenschaftlers.
Ob in der vogtländischen Region eine potentielle vulkanische Gefährdung besteht, müsse mit weiteren langfristigen Forschungsarbeiten geprüft werden. Verkneifen konnte sich Dr. Horst Kämpf auch die Kritik an der Gesellschaft nicht – vor allem die mangelnde Bereitschaft, genügend Geld in die Forschungstätigkeit fließen zu lassen: „Die Politik handelt erst nach der Katastrophe.“ Es sei „frustrierend“ zu ignorieren, „wenn die Erde zu uns spricht“ – um mit dem alten Bergmannsspruch zu schließen: „Hinter der Hacke ist’s dunkel.“

Die von Harald Seidel iniitierte und moderierte Veranstaltung der Reihe „Prominente im Gespräch“ wurde mit „Hermann Loschs musikalischen Erdbeben auf dem Klavier“, wie er augenzwinkernd meinte, ausgestaltet.

Antje-Gesine Marsch @26.03.2017