Stadtkirche Greiz: 25 Jahre Prominente im Gespräch

Die Projektreihe „Prominente im Gespräch“ beging mit einer hochkarätigen Gesprächsrunde ihr 25-jähriges Jubiläum

GREIZ. Als vor genau 25 Jahren Carl-Friedrich von Weizsäcker als erster Gast die Projektreihe „Prominente im Gespräch“ besuchte, konnte Initiator und Moderator Harald Seidel nicht ahnen, dass diese ein Vierteljahrhundert später noch immer präsent ist und die Menschen der ganzen Region mit interessanten Vorträgen, Gesprächsrunden und musikalischen Beiträgen begeistert.

Anlässlich der Jubiläumsveranstaltung hatte sich Harald Seidel an die gleiche Stelle wie vor 25 Jahren hochkarätige Gäste eingeladen: „Fünf Freunde“, wie er betonte: Harald Lesch, Ulf Merbold, Matthias Grünert, Günter „Baby“ Sommer und Ralf Stiller.

In der übervollen Stadtkirche bedankte sich Seidel zunächst bei zwei Personen, die ihn von Beginn an unterstützten: „Meine Frau Roswitha und Heike Taubert“.

Das Buch „Die Menschheit schafft sich ab“, das der Veranstaltung den Namen gab, stand im Mittelpunkt des Einstiegsreferates, das Astrophysiker Harald Lesch, Moderator der ZDF-Reihe „Leschs Kosmos“, Autor und Mitbetreiber des Youtube-Channels „Urknall, Weltall und das Leben“ hielt.

Zunächst las er Passagen aus dem Vorwort, um dann frei zum Thema zu sprechen. „Mit Ackerbau und Viehzucht, Rodungen und Bewässerung griff der Mensch in die Natur ein, vermehrte sich und besiedelte selbst entlegenste Gegenden“, sagte Lesch. Immer tiefere Spuren habe das Anthropozän, das Menschenzeitalter, in den letzten 2.000 Jahren hinterlassen. Wissenschaft und Technik nahmen seit der Industrialisierung die Erde in den Griff. „Sei es die Ausbeutung der Bodenschätze, die Verpestung der Luft, die Veränderung des Klimas, Wasserverschmutzung bis hin zur Kernspaltung und einer Wohlstands-Verschwendungssucht“, nannte der Astrophysiker die „Götter“ KONSUM und WACHSTUM beim Namen.

Die Grundlagen des Lebens – des menschlichen Daseins überhaupt – zu schützen, sei dabei in den Hintergrund geraten. „Die Welt ist ein Abfallhaufen, das Blöde ist die Gravitation“, so der Wissenschaftler. „Wir wissen richtig viel, aber wir tun nicht das, was uns die Wissenschaft empfiehlt. Wir sind ethisch zurückgeblieben.“

Seit man im Jahr 1968 durch den bemannten Weltraumflug auch ein Bild der Erde aus dem All erhielt, habe sich „nichts geändert“. Respekt und Ehrfurcht gegenüber der Natur seien abhanden gekommen. Der CO²-Gehalt steige ständig; weite Teile der Erde werden bald unbewohnbar sein, zudem die Wärme noch in den Meeren stecke. „Ursache und Wirkung sind bekannt.“

„Ja, wir haben ein Problem.“ Alles schlage ins Zerstörerische um. Heute vermehre sich die menschliche Spezies rasant und besiedle auch isolierteste Gebiete, die einst als lebensfeindlich galten. Mit großer Geschwindigkeit werden Wälder gerodet und Agrarflächen geschaffen, steigen Luft- und Wasserverschmutzung an. Tierarten verlieren ihren Lebensraum und sterben aus, Meere werden leergefischt. Die antarktischen Eismassen schmelzen und die endgültige Ausbeutung der Bodenschätze naht. „Der Mensch wird für seine Umwelt und sich selbst zur größten Gefahr.“ Einst werde man sagen: „Unverständlich, was geschah – die Lebewesen hatten doch Verstand und Vernunft“.

„Bei Ihren Worten gerinnt einem das Blut in den Adern“, meinte Ulf Merbold, der gemeinsam mit Harald Lesch im Podium Platz genommen hatte. Was er erlebte, als er 800 Mal die Erde umkreiste, könne er mit Worten nur unzureichend beschreiben, gestand der Astronaut. Es sei „bezaubernd“ gewesen. Durch den Blick aus dem All habe die Erde für ihn zwar in ihrer Größe eingebüßt, doch sei ihm sei bewusst geworden, wie „kostbar“ und „hinreißend ästhetisch“ die Erde sei – den Nachgeborenen müsse man diesen Planeten intakt hinterlassen und damit auch die „ethische Pflicht akzeptieren“.

Ulf Merbold forderte ein grundlegendes Umdenken in der Gesellschaft, um den Klimawandel noch zu bremsen – beispielsweise in Bezug auf die rund 50 Mio. in Deutschland zugelassenen Autos. Die Schiene als Option schlug er vor – auch gehöre die Bahn nicht in Privathand. Zudem solle man über einen Systemwechsel nachdenken. „Schließlich haben wir die Politiker, die wir verdienen – denen fehlt manchmal allerdings das Rückgrat“, so der Seitenhieb des Ehrenbürgers der Stadt Greiz.

Zwei praktische Vorschläge hatte Harald Lesch parat: CO² – Zertifikate kaufen und zerreißen und Niedermoore zu bewässern. Im natürlichen Zustand belassen, speichern Moore Kohlendioxid und tragen somit zum Klimaschutz bei. Die Crux sei allerdings, dass man Moore entwässere, um Landwirtschaftsflächen von der EU subventionieren zu lassen.

„Mischen Sie sich ein – die Atmosphäre wird es Ihnen danken“, so der Rat des Wissenschaftlers. Dass es allein die Menschen sind, die Vorbildfunktionen auslösen können, betonte Harald Lesch.

Mit großartigen musikalischen Beiträgen wurde der Jubiläumsabend umrahmt: Frauenkirchenkantor Matthias Grünert spielte auf der Kreutzbach-Jehmlich-Orgel Johann Sebastian Bachs gewaltige Toccata und Fuge BWV 565; Jazzer Günter „Baby“ Sommer entfachte ein emotional-musikalisches Feuerwerk am Schlagzeug und den Percussions und Stadtkantor Ralf Stiller überzeugte auf dem Flügel mit virtuosen Improvisationen. Höhepunkt des Abends war, als die Instrumente zum Abschluss miteinander kommunizierten.

Michael Riedel, Pfarrer der Stadtkirche St. Marien, warb im Anschluss für die dringend erforderliche Sanierung der Greizer Orgel. Die Kollekte des Abends wurde dieser Maßnahme zur Verfügung gestellt.

Antje-Gesine Marsch @20.02.2018

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