Meine Kindheit im Sommerpalais

Meine Kindheit im Sommerpalais
Das Greizer Sommerpalais Anfang der 1970er Jahre

GREIZ. In ihrem Buch Kindheitsmuster empfiehlt Christa Wolf, die Gedanken aufzuschreiben, so lange sie noch frisch sind. Später erkenne man sie mitunter nicht mehr wieder.
Für mich persönlich nicht ganz zutreffend mit Abstand und gewonnener Lebenserfahrung beleuchtet man vieles anders sieht Dinge vielleicht mit dem Blick des erwachsen Gewordenen aber trotzdem deutlich und klar, als wäre vieles erst gestern geschehen.
Ich danke dem Ehepaar Gisela und Wilfried Pucher, dass ich mich in den letzten Wochen intensiv mit meiner Kindheit beschäftigen durfte. Habe gezielt über Erlebnisse, Ereignisse, Personen nachgedacht, bin alte Wege gegangen, habe innere Filme ablaufen sehen und versucht, die wichtigsten Sequenzen zu erfassen. Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Dieser Frage geht Christa Wolf in ihrem Werk ebenfalls nach. Es ist eine Frage nicht nur ihrer Generation, sondern die einer jeden. Wer wagt sie zu stellen? Wer versucht, rücksichtslos ehrliche Antworten zu finden?
Ich kann dazu nur soviel sagen: In meiner Kindheit und Jugend wurde hier in diesem Hause die Liebe zu Kunst und Kultur entfacht, geprägt und gefördert. Geboren im Jahr 1962, war es sicher der wohnungspolitischen Situation in der DDR geschuldet, dass die Mutter, obwohl schon verheiratet, noch keine eigene Wohnung hatte und durch einen Ringtausch mit den Eltern, also meinen Großeltern, und dem Großvater, meinem Urgroßvater, vom Hasental ins Palais zog.

Als anderthalb Jahre später meine Schwester zur Welt kam, gab es dann eine Wohnung ich blieb bei den Großeltern. Mein Großvater, Kurt Vorwieger, arbeitete als Fleischermeister in einem eigenen Geschäft; meine Großmutter Hiltrud kam ursprünglich auch aus dem Handel,fand aber in der Museumsarbeit hier im Hause bald eine neue, für sie hochinteressante und beflügelnde Aufgabe.

Ich war von Anfang an wie sagt man mittendrin im Geschehen. Konzerte, Ausstellungseröffnungen, Empfänge, De- legationen bereits im Alter von drei Jahren wurde ich das Blumenmädchen und dementsprechend eingesetzt. Ich kann mich etwa gut erinnern an den Besuch des 1. sowjetischen Stadtkommandanten im Gartensaal 1965 oder wie ich den Geschwistern Anders (heute Dr. Petra Linke und Dr. Undine Adler) nach einem musikalischen Vortrag im Festsaal des Palais Blumen überreichte oder Jelena Borschnikowa, Leiterin des Nationalmuseums im damaligen Leningrad betreute, die zur Tagung der Pirckheimer Gesellschaft 1975 im Sommerpalais weilte und ich nach zwei Jahren Russischunterricht quasi die einzige war, die sich mit ihr unterhalten konnte.

Eine besondere Rolle in meiner Förderung spielte Dr. Werner Becker, der Direktor des Greizer Sommerpalais. Er war als Person sicher nicht ganz unumstritten, weil unbequem, verstand aber sein Handwerk. Seine Leistungen in Hinblick auf die Schaffung des Satiricums wirken bis heute nach. Er sagte stets selbstkritisch von sich, er sei Sternbild Skorpion…
Becker fühlte sich bei uns wohl, gehörte quasi zur Familie und pflegte vor allem mit meinem Großvater eine enge Freundschaft. Als mein Urgroßvater 1965 starb, war er in derselben Nacht sofort zur Stelle, ließ ihn im Chinesischen Zimmer aufbahren und unterstützte meine für den Moment völlig hilflose Großmutter.

Viele wunderbare Ausstellungen richtige Besuchermagneten durfte ich hier erleben, ich denke da nur an die Jagdausstellung im Jahr 1966 oder die Oldtimer-Ausstellung im Jahr 1970.

Dr. Becker war es auch, der frühzeitig meinen Berufswunsch förderte, einen künstlerischen Weg einzuschlagen. Ich wurde schon als Jugendliche von 13 Jahren in die museale Arbeit einbezogen etwa in das Anlegen einer Diathek, in der für Versicherungszwecke alle Schabkunstblätter, Grafiken usw. fotografiert und als Dias archiviert wurden.
Ich lernte schon als Kind wichtige Personen kennen: Dr. Werner Querfeld, Parkgärtner Willy Zeiß, den Hauschilds Franz, Elly-Viola Nahmmacher, Manfred Böhme der den Aschkuchen meiner Großmutter schier vergötterte Irmengart Müller-Uri, Reiner Kunze, um nur einige zu nennen. Schließlich war ich auch bei den Jury-Sitzungen anwesend, wo darüber befunden wurde, welche Arbeiten Greizer Künstler und Zirkel in der jährlich stattfindenden Kreisausstellung für bildnerisches Volksschaffen gezeigt werden sollten und gab meinen Senf dazu. Lernte hier Eva-Maria Großwig, Wolfgang Dreßler, Klaus Tiller, Eberhard Dietzsch, Dieter Hellfritzsch oder Hans Munkelt kennen, auch Hubertus Blase, der als Papierrestaurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter seit Ende der 60er Jahre hier tätig war.

Eine ganz wichtige Rolle in meinem kindlichen Dasein spielte auch Frau Luise Doehler, die von uns aus gesehen am anderen Ende der Diele im 2. Obergeschoss eine große Wohnung besaß. Sie war eine kunstbegeisterte, kluge, sanftmütige Frau, die bis ins hohe Rentenalter jeden Tag auf ihre Burg nach Mylau fuhr und dort arbeitete. Luise Doehler war die Ehefrau des bekannten Dichters Gottfried Doehler (1863 bis 1943) und Leiter der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung nach deren Eröffnung im Jahre 1922. Dr. Doehler war 38 Jahre älter als Luise und so war sie mit 42 Jahren schon Witwe.
Nach seinem Tode leitete sie in den Jahren 1944/45 kommissarisch die Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung. Frau Doehler legte mit dem Schenken von Büchern stets mit inniger Widmung den Grundstock für meine eigene kleine Sammlung. Luise Doehler war auch mit meinen Großeltern in herzlicher Freundschaft verbunden. Freitagabends ging ich immer den sogenannten Samaritergang zu ihr mit einem Teller voll frischer Wurst aus der Fleischerei meines Großvaters. In den Vorraum ging ich ohne zu pochen, durch die Küche ebenfalls und ihr freundliches Ja, bitteschön, als ich an die Stubentür klopfte, habe ich noch heute im Ohr. Sie saß stets in ihrer Sofaecke und las. Oft war es sehr kalt bei ihr; der große Kachelofen funktionierte selten. Die Kohleeimer brachten mein Großvater, später auch ich, nach oben. Den Heiligabend verbrachte sie bei uns der einzige Tag im Jahr übrigens, an dem sie eine Fernsehsendung schaute, sie selbst besaß kein Gerät. Sie hütete die Kunstsammlungen ihres Mannes wie einen Schatz umso schlimmer, als nach ihrem Tod sie war kinderlos ihr mit Liebe gehütetes Gut durch entfernte Verwandte in alle Winde zerstreut wurde. Ich fand sie leblos an einem kalten Januartag des Jahres 1976 in ihrem Schlafzimmer am geöffneten Fenster liegend, als ihre Schwester Lotte Wagner aus Elsterberg anrief, und sich sorgte, warum sie nicht zum Samstags-Mittagessen kam …

Freude und Enttäuschung zugleich empfand ich als Fünfjährige, als die Fürstin Ida zu Stolberg Roßla, jüngste Tochter des letzten regierenden Fürsten Heinrich XXII., Reuß älterer Linie, eine Stippvisite im Palais machte. Ich weiß noch, wie Dr. Becker hinter vorgehaltener Hand davon sprach, dass wir die jüngste Greizer Prinzessin erwarten ich weiß heute auch, dass dieser Besuch nicht an die große Glocke gehangen werden sollte und durfte. War natürlich riesig gespannt und mächtig aufgeregt wann sieht man schon mal eine echte Prinzessin? Der Anblick war für mich die diesbezüglich sicher in einer Traumwelt lebte eher ernüchternd. Eine alte Dame mit schlohweißem hochgestecktem Haar in einem schwarz-weißen Kostüm das sollte eine Prinzessin sein?

Auch die Liebe zur Musik wurde hier in diesem Haus begründet. Irmengart Müller-Uri, die seit dem Jahr 1967 in Greiz die Musikschule leitete, fragte mich eines Tages, ob ich Klavier, Violine oder Flöte lernen möchte. Ich entschied mich als Sechsjährige für die Violine und so lernte ich bei Karl Dämmer, später bei Manfred Gräfe, das Geige spielen. Mit 15 nahm ich dann Gesangsunterricht bei Peter Herda, trat mit dem Jugendorchester der Musikschule unter Leitung von Manfred Gräfe bei unzähligen Veranstaltungen auf. Vor einigen Jahren lernte ich Christiane Lorenz kennen, die mich stimmlich weiter schulte und der ich viel verdanke.
Natürlich fallen einem beim Ausflug in die Erinnerung auch lustige Dinge und Begebenheiten ein. Beispielsweise, dass ich im Gartensaal mit Begeisterung Rollschuhe lief. Das allerdings nur, wenn ich wusste, dass Dr. Becker außer Haus war. Erwischt hat er mich gottlob nie! Oder wie ich als kleines Mädchen von Restaurator Johannes Scheffel oft in die Molkerei am Schlossberg geschickt wurde, um losen Quark zu holen. Der wurde der Stuckmasse beigemischt, als der Festsaal restauriert wurde. Die Verkäuferinnen kannten mich schon und legten immer schon große Pergamentbögen bereit.

Epilog und Dank:

Im Jahr 1976 legte man den Großeltern ans Herz, sich nach einer anderen Wohnung umzuschauen; die Wohnräume würden dringend für das Museum gebraucht. Wir zogen im gleichen Jahr in ein Häuschen auf dem Pohlitzberg, in dem ich noch heute mit meiner Familie lebe.
Wie schwer das Loslassen damals für mich war, weiß ich noch genau. Obwohl ich nach dem Abitur im Jahre 1980 ein Volontariat im Sommerpalais absolvierte, war es doch nicht mehr der gleiche Ort. 1983 war ich zum letzten Mal dort, um den Kollegen meine im Februar 1982 geborene Tochter Lydia vorzustellen dann folgten zwanzig Jahre Palais-Abstinenz. Im Zuge meiner journalistischen Tätigkeit, die ich im Jahr 2003 wieder aufnahm, betrat ich meine heiligen Hallen zum ersten Mal wieder zu einer Vernissage. Das Gefühl war unbeschreiblich. Alles schien so vertraut und fremd zugleich. Es war, als käme ich heim und doch war alles so unähnlich. Noch heute beschleicht mich oft ein sonderbares Gefühl, wenn ich zu Veranstaltungen in das Maison de belle retraite gehe. Mein Großvater starb im Jahr 2000, die Großmutter wurde fast 92 Jahre alt; wir pflegen sie bis zu ihrem Tod im Juni 2011 in unserem Haus gemeinsam. Ich bin wann immer ich darüber nachdenke meinen Großeltern unendlich dankbar. Für die wunderschöne Kindheit, für alles Gute, was ich mit auf den Weg bekam und die große Liebe, die sie mir gaben.

Antje-Gesine Marsch@ 14.08.2013

Herausgeber:
Freundeskreis der Sammlungen im Sommerpalais zu Greiz e.V.
Text und Abbildungen: Antje-Gesine Marsch
Fotos: Peter Stössel (7)
Graphik: Wolfgang Randig (2)
Redaktion und Gestaltung: Gisela und Franziska F. Pucher
Satz und Druck:
Ernst Tischendorf Druckerei & Buchbinderei; Nachdruck, Reproduktion unf ´d Vervielfältigung (auch auszugsweise) befürfen der schriftlichen Genehmigung der Autorin.
Greiz 2010

1 Kommentar zu Meine Kindheit im Sommerpalais

Kommentare sind deaktiviert.