Liebe Greizerinnen und Greizer, aber ganz besonders liebe Pohlitzer!

Martina Schweinsburg (CDU), Landrätin des Landkreises Greiz

Mit Entsetzen, ja Fassungslosigkeit beobachte ich die sich jeden Freitag wiederholenden Demonstrationen in unserem schönen Greiz.
Da reisen „Touristen“ aus politisch extremen Lagern von außerhalb an, um hier ihre Feindbilder zu pflegen und Werbung für sich und ihre teilweise doch sehr kruden Weltanschauungen zu machen. Sie binden enorme Kräfte und verschaffen sich in den Medien eine Aufmerksamkeit, die unserer Kreisstadt Greiz in der Öffentlichkeit und bei willkommenen Gästen nicht gut tut.

Was ist konkret passiert?
Am Freitag, dem 6. September, erreichte uns die dringende Bitte des Freistaates Thüringen zur schnellstmöglichen Übernahme von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien. Auf die Schnelle kam dafür nur das im Sommer geschlossene Berufsschulinternat in Frage. Innerhalb von vier Tagen haben Mitarbeiter des Landratsamtes und Helfer vor Ort die Räumlichkeiten so her- und eingerichtet, um den avisierten syrischen Kriegsflüchtlingen, die einen von der UN sanktionierten Sonderstatus genießen, eine Unterkunft zu bieten.
Man spricht in diesem Zusammenhang von Kontingentflüchtlingen, deren Aufenthalt in den Gemeinschaftsunterkünften in der Regel auf vier bis sechs Wochen begrenzt ist, weil sie keine aufwändigen Asylbewerberverfahren mehr durchlaufen müssen und so relativ schnell ihren künftigen Aufenthaltsort frei
wählen können.
Für diesen überschaubaren Zeitraum hielt ich eine Unterbringung am Zaschberg für vertretbar, denn nicht nur durch die tägliche Berichterstattung über den grausigen Krieg in Syrien, sondern auch durch den Freistaat Thüringen fühlten wir uns dazu verpflichtet.
Total perplex war ich, als ich aus der Presse erfuhr, dass die Flüchtlinge angeblich gar nicht nach Greiz wollten, weil der sogenannte Flüchtlingsrat Thüringen in einer Pressemitteilung bereits Stimmung gegen die Greizer Unterkunft macht, noch ehe überhaupt ein Flüchtling hier war. Diese Vorgehensweise war völlig deplatziert, unverantwortlich und folgenschwer, wie die prompte Anmeldung der Protestveranstaltung aus dem rechtsextremen Lager bewies. Gesteuert und koordiniert wird der sogenannte Flüchtlingsrat übrigens vom Büro einer Thüringer Landtagsabgeordneten aber das nur am Rande.
Auf diese Weise bekam die Situation eine Eigendynamik. Der OTZ-Lokalredaktion Greiz bin ich außerordentlich dankbar dafür, dass sie mit mir das Gespräch suchte und sich selbst ein Bild vom Leben der 56 Asylbewerber im Heim am Zaschberg machte, die am 12. September hier eintrafen.
Dass es sich letztlich doch um Asylbewerber ohne Sonderstatus handelte, die man nach Greiz brachte, erfuhren wir erst, als sie schon hier waren. Wir wurden also vom Landesverwaltungsamt nicht
wahrheitsgemäß informiert. Dagegen habe ich in einem Schreiben an die Verantwortlichen mit aller Entschiedenheit protestiert, was an der für uns alle schwierigen Situation aber vorerst nichts ändert.
Doch nun frage ich Sie: Was können die Asylbewerber dafür? Und: Macht es letztlich einen Unterschied für uns Greizer, ob es sich um Flüchtlinge mit UN-Sonderstatus handelt oder um Ausländer, die aus ihrer Heimat flohen, weil man sich dort gegenseitig die Köpfe einschlägt? Es sind Syrer, Afghanen, Tschetschenen Familien mit Kindern aus Krisengebieten, in denen Menschen tagtäglich zu Opfern werden selbst dann, wenn die Reporter längst weitergezogen sind zum nächsten Krisen- oder Kriegsgebiet dieser Welt.

Möglicherweise muss der Landkreis Greiz die Stadt Greiz weitere Flüchtlinge aufnehmen. Dennoch wird sich nichts daran ändern, dass das einstige Berufsschulinternat 2014 abgerissen wird. So hat es der Kreistag mit dem Doppelhaushalt 2014/15 beschlossen. Zaschberg bleibt als Unterkunft für Asylbewerber eine zeitlich
begrenzte Lösung.
Nicht ausschließen kann ich aber, dass unsere schöne Stadt Greiz auf Dauer Schaden nimmt, wenn wir unsere Perle des Vogtlandes von Polithasardeuren der extremen Lager weiter als Wahlkampfarena missbrauchen lassen. Da besteht tatsächlich die Gefahr, dass der Ruf der Stadt, der Region nachhaltig geschädigt wird. Das wollen wir alle nicht!
Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, weshalb unser schönes Greiz nun weniger schön, sicher und liebenswert sein soll, weil 56 Ausländer mehr in der Stadt leben. Ich kann nicht begreifen, dass jetzt sogar Ausländer angefeindet werden, die seit Jahren in der Stadt leben, hier längst integriert sind, die mit angepackt
haben, als uns das Wasser bis zum Hals stand.
Was ist passiert mit unserer Park- und Schloßstadt, mit unserem Lebensgefühl und unsere Kultur, wenn 56 Ausländer mehr dazu führen, dass sich Nachbarn nicht mehr grüßen, weil der eine den anderen mit Linken oder Rechten im Gespräch gesehen hat?
Liebe Greizerinnen und Greizer, liebe Pohlitzer, ich habe durchaus Verständnis dafür, dass Sie sich überrumpelt von der Ankunft der neuen Bewohner fühlten und möglicherweise auch allein gelassen mit der ungewohnten Situation. Doch und dafür werbe ich bei Ihnen um Verständnis wir hatten in der Kürze der Zeit mit den formellen und organisatorischen Vorbereitungen der Aufnahme tatsächlich voll zu tun. Die Greizer haben es 1989/90 bewiesen und wir haben es erst Anfang Juni wieder gezeigt wenn es darauf ankommt, stehen wir zusammen. Gemeinsam können wir verhindern, dass Protest-Touristen zu Lasten des Bildes unserer Stadt in der Öffentlichkeit Politik machen.
Wie damals in der Wendezeit wollen wir uns auch jetzt in unserer Stadtkirche versammeln, um für eine friedliche Zukunft in unserer Stadt zu bitten und zu beten. Aufrichtig dankbar bin ich den Christen unserer Stadt, die am Freitag, 18. Oktober, nach langer Zeit wieder überkonfessionell und unparteilich zum Friedensgebet eingeladen hatten, um für eine gemeinsame gute Zukunft in unserer Perle des Vogtlandes ein wichtiges und richtiges Zeichen zu setzen.
Nehmen wir unsere Stadt in Schutz vor jenen, die sich zu unseren Lasten politisch zu profilieren versuchen und besetzen wir friedlich die Plätze, auf denen andere vorhaben, Unfrieden zu stiften. Entwickeln wir eine Willkommenskultur in Greiz und für Greiz offen, tolerant und selbstbewusst. Geben wir den Flüchtlingen hier die Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen und sich von den Strapazen der Flucht, von der
Trauer über den Verlust der Heimat zu erholen.
Bilden wir eine Allianz für Greiz!

Ihre
Martina Schweinsburg

2 Kommentare zu Liebe Greizerinnen und Greizer, aber ganz besonders liebe Pohlitzer!

  1. Wenn mit Fackeln vor einem Asylbewerberheim „demonstriert“ wird, ist es die Pflicht eines Jeden, diesen offensichtlich in der Tradition des Faschismus stehenden „Demonstrationen“ entgegenzutreten.

  2. Man merkt deutlich, dass die Landrätin nichts verstanden hat oder nichts verstehen will. Sie bedient wieder alle Klischees und Vorurteile.
    Und wenn sie als eine von zwei Landräten, die noch immer ganz aktiv und bewusst mit Gutscheinen politisch diskreminieren möchten, davon spricht, dass die eine „Willkommenskultur“ möchte, ist das blanker Hohn für die Betroffenen und im Allgemeinen schlicht Zynismus.

    Und wie kann man etwas dagegen haben, wenn man mit Rechten spricht und auf die Straße geht? Die Frau ist einfach nur unfassbar.

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