100 Jahre Busverkehr im Landkreis Greiz

100 Jahre Busverkehr im Landkreis Greiz


GREIZ. Am 1. Juli 1913 erfüllte sich der lang gehegte Wunsch einer direkten Busverbindung einer direkten Verbindung der Orte Zeulenroda, Greiz und Reichenbach/Vogtland. Diese Mitteilung konnte der interessierte Leser am 27. Juni 1913 in der Greizer Zeitung und Tageblatt lesen. Die Oberpostdirektion Erfurt nahm damit den planmäßigen Linienbusverkehr auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Greiz auf. Die zwischen den drei Orten eingesetzten Fahrzeuge waren oben gelb und unten schwarz lackiert. Gebaut wurden sie von der Firma Heinrich Erhardt aus Zella St. Blasii, die Karosserie war ein Coburger Fabrikat. Besonders erwähnenswert war für die Greizer Zeitung der hervorragende Komfort der Fahrzeuge: In den Bussen gab es 16 gepolsterte Sitze und zwei weitere neben dem Chauffeur. Das Gepäck wurde auf dem Dach verladen, es gab einen Verbandskasten und einen Handfeuerlöschapparat. Um im Störungsfall Hilfe herrufen zu können, führte jedes Fahrzeug einen Fernhörer mit. Durch Überwerfen des Drahtes über die nächste Telefonleitung wurde man automatisch mit der nächsten Poststation verbunden. Beleuchtet wurden die Fahrzeuge durch Acetylen. Die Türen waren dreifach gesichert und das Hupensignal war doppeltönig, ähnlich der Feuerwehr. Unter dem Fahrersitz befand sich ein mit Asbest ummanteltes Wertgelass für Briefe und ähnliches. Sogar beheizt wurden die 68 Zentner schweren und 45 PS starken Busse: mit den Auspuffgasen des Motors. Das Fahrgeld wurde in der Regel beim Fahrzeugführer bezahlt, es war aber auch statthaft, Fahrscheine in Postämtern zu erwerben. Bei der Fahrpreisgestaltung wurde die Post beauflagt, einen Kilometertarif anzuwenden. Aber zwischen Zeulenroda und dem Unteren Bahnhof sowie zwischen Kurtschau und Greiz musste ein höherer Tarif angewendet werden. Denn in Zeulenroda sollte der Busverkehr keine Alternative zum Zugverkehr zwischen Oberem und Unterem Bahnhof (eröffnet am 1. September 1914) werden und zwischen Kurtschau und Greiz sollte auf Grund der geringen Anzahl der Fahrgastplätze nur in Ausnahmefällen ein innerstädtischer Verkehr stattfinden.

In der Presse viel diskutiert
Das Presseecho vor 100 Jahren war überwältigend. In den ersten 14 Tagen nach Betriebsaufnahme erschienen fast täglich Nachrichten vom Postauto in den regionalen Zeitungen. Am 2. Juli widmete sich die Greizer Zeitung in einem Nachruf ausführlich der Postkutsche als Relikt der Vergangenheit. Im Zeulenrodaer Tageblatt vom 3. Juli konnte man lesen, dass sich das Postauto als Samariter bewährte. Denn am Abend vorher fanden Chauffeur und Fahrgäste eine vor Erschöpfung umgefallene Frau in Neuärgernis. Diese wollte nach Zeulenroda und konnte nur durch geschicktes Ausweichen des Fahrers in der Dunkelheit vor Schaden bewahrt werden. Nach kurzer Beratung mit den Fahrgästen wurde sie eingeladen und in Zeulenroda bis nach Hause chauffiert.
Rauchverbot in den Bussen war ebenso Pressethema wie eine änderung der Linienführung über Triebes Langenwetzendorf. Die Busse waren stellenweise schon an den Abfahrtshaltestellen voll besetzt. Unterwegs-Haltestellen wurden deshalb nicht bedient. Das führte zu zahlreichen Beschwerden. Eine zusätzliche Linienführung von Greiz nach Reichenbach über Netzschkau wurde auch vorgeschlagen. Aber damals war man bei der Zeitung der Meinung, dass dafür die Straße mit sechs Meter Breite wohl doch zu schmal wäre.
Ein steiniger Weg bis zur Eröffnung der ersten Buslinie

Bestrebungen, auf dem Gebiet des heutigen Landkreis Greiz einen Linienbusverkehr einzurichten, gab es schon nachweisbar seit 1905. Im Thüringer Staatsarchiv Außenstelle Greiz findet man den Antrag eines Unternehmers, der zwischen dem Unteren Bahnhof in Zeulenroda und den Stadtgebiet einen Oberleitungsbus einrichten wollte. Der Untere Bahnhof lag damals noch rund 3 km von der Stadt entfernt. Erst im Laufe vieler Jahre wuchs die Stadt zum Unteren Bahnhof hin. Dieser Antrag wurde 1907 (!) abschlägig beschieden, da in der Zeulenrodaer Bevölkerung eine negative Stimmung zum O-Bus herrsche und man den beantragten Bahnbau dadurch nicht gefährden wolle.
Im Fokus möglicher Buslinien standen immer die Relationen Zeulenroda Greiz und Greiz Reichenbach über Schönfeld.
Im März 1911 beantragte der Unternehmer Otto Schaarschmidt aus Glauchau die Genehmigung zur Erteilung einer entsprechenden Konzession. Dieser Versuch ist letztlich daran gescheitert, dass das Amt Irchwitz eine monatliche Straßenabnutzungsgebühr von dem Unternehmer forderte für die Straße von Aubachtal nach Schönfeld. Diese war dem Unternehmer zu hoch und die Reisenden mussten weiterhin mit der Postkutsche fahren.

Am 9. August 1911 startete die Firma Röder aus Reichenbach den Vorstoß, eine Buslinie von Reichenbach über Mylau, Netzschkau und Elsterberg nach Dölau einzurichten und parallel dazu eine Linie über Mylau nach Greiz. Diese scheiterte u. a. am schlechten Zustand der Straße durch das Göltzschtal und den Vorgaben des Fürstenhofes zur Beschaffenheit. Denn in den Auflagen, die den Unternehmern gegeben wurden, waren auch solche wie Doppelbereifung der Hinterachse, die Größe der Räder und freie Fahrt für ausgewählte Beamte bei dienstlicher Notwendigkeit.
Die Firma Lübeck und Kehl aus Eisenach beantragte im Oktober 1911 die Einrichtung einer Oberleitungsbuslinie von Greiz über Gommla, Langenwetzendorf und Triebes nach Zeulenroda. Auch dieser Antrag wurde am 18. Oktober 1913 abgelehnt, da die Straßenverhältnisse in Mehla nicht geeignet wären.
Einzig der Antrag der Firma Fritz Bär vom 25. September 1911 zur Eröffnung eines Busbetriebes in Greiz wurde positiv beschieden. Diese Firma betrieb aber keinen Linienverkehr.

Die Post wird aktiv
Die Deutsche Reichspost, die in Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Autobuslinien betrieb, stellte am 23. Mai 1912 durch die Oberpostdirektion Erfurt den Antrag zur Einrichtung einer Busverbindung zwischen Zeulenroda, Greiz und Reichenbach. Am fürstlichen Hof setzte zu dieser Zeit ein Umdenken ein. Zwar gab es wieder reichlich Auflagen (Rädergröße, Freifahrten, Straßenabnutzungsgebühren, Lage und Ausstattung der Haltestellen usw.), doch man stand dem Vorhaben bedeutend aufgeschlossener als vor Jahren gegenüber. Nach Erteilung der Konzession wurde bis zum 23. Juni 1913 ein Wagenschuppen an der Einmündung Weißendorfer Straße/ Bahnhofstraße errichtet. Hier gab es, wie man im Zeulenrodaer Tageblatt nachlesen konnte, sogar einen geschlossenen Raum zu Reparieren der Fahrzeuge. Am 29. Juni trafen die lang erwarteten Postautomobile ein und einen Tag später gab es bereits die Eröffnungsfahrt mit geladenen Gästen aus den drei Städten.

Und weiter
Ein Jahr nach der Eröffnung dieser Buslinie brach der erste Weltkrieg aus. Viele hoffnungsvolle Projekte wurden eingestellt oder entwickelten sich nur langsam weiter. Im Busverkehr der Region herrschte Stagnation vor. Nach dem Ende des Weltkrieges und der Schaffung der Weimarer Republik ging es langsam aufwärts. Neue Buslinien wurden durch verschiedene Verkehrsbetriebe eingerichtet, so zum Beispiel Zeulenroda Auma, Zeulenroda Plauen, Greiz Langenwetzendorf Triebes Zeulenroda oder Fraureuth Werdau. 1925 kam es zur Gründung des Verkehrsbetriebes der Stadt Greiz. Als erstes nahm er die Linie Schönfeld Elsterberg in Betrieb. Erweiterungen ließen nicht lang auf sich warten. Doch mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise 1929 verschwanden einige dieser Linien vorübergehend wieder aus den Fahrplänen.
Erst mit dem konjunkturellen Aufschwung nach 1933 verbesserte sich die Lage im Busverkehr wieder. Im Landkreis Greiz war man neuen Ideen im Linien- und Reiseverkehr aufgeschlossen. Erwähnenswert wäre zum Beispiel die legendäre Parisreise 1937 der Firma Werner Singer mit dem lt. Augenzeugen wahrscheinlich schönsten Bus Deutschlands. Dieser Prototyp führte einen Küchenanhänger mit. Leider kamen beide Fahrzeuge nicht nach Greiz zurück. Der Anhänger verunglückte an einem Bahnübergang in der Nähe von Paris. Der benzinbetriebene Bus verbrannte an einer Tankstelle.
Im Linienverkehr mussten immer größere Fahrzeuge eingesetzt werden. Besonders bekannt war der Einsatz des Langen Thüringers, eines Büssing-Sattelschleppers. 1945 wurde in Greiz die O-Buslinie Schönfeld Dölau (später bis Elsterberg) eingerichtet. Viele Busse oder zur Personenbeförderung umgebaute Lkws kamen zum Einsatz, zum Teil auf Holzgasantrieb umgebaut. Nach Kriegsende gab es große Probleme mit der Ersatzteil- und Schmierstoffbeschaffung, der Busverkehr kam zeitweise zum Erliegen oder verkehrte nur noch nach Notfahrplänen. Anfang der 50er Jahre besserte sich die Situation merklich. Die Post gab 1953 ihre Linien samt den Fahrzeugen und Personal an den VEB Verkehrsbetrieb Greiz ab, die Firma Werner Singer wurde nach Republikflucht des Eigentümers ebenfalls zwangsintegriert.
1954 wurde der VEB Kraftverkehr Greiz gegründet, 1960 der Kraftverkehr Zeulenroda als Betriebsteil angegliedert. Dieser Großbetrieb war nicht nur für den Busverkehr zuständig, sondern auch für Spedition, Fahrschule, Autovermietung, nationalen und internationalen Gütertransport und Personen- und Gütertaxi. Das Busliniennetz wurde ständig erweitert und verdichtet. Aber auch Rückschläge, geschuldet der sozialistischen Plan- und Mangelwirtschaft gab es zu überwinden. Einer davon war die Einstellung des O-Busbetriebes 1969. Dafür kamen Gelenkbusse des Typs Ikarus 180 zum Einsatz. Der VEB Kraftverkehr Greiz wurde 1970 Betrieb des Volkseigenen Verkehrskombinat Gera.

1977 wurde in Greiz ein neuer zentraler Busbahnhof an der Bruno-Bergner-Straße gebaut.
In den 80er Jahren gab es durch vielfältige Berufsverkehre zum Autobahnbau der A9 oder dem ständig wachsenden Neubaugebiet Greiz-Reißberg neue Herausforderungen, die den Busverkehr vor große Herausforderungen stellte.

Die politische Wende in der DDR und der Beitritt zur BRD
Die tiefgreifende Veränderung im politischen System 1989/90 und die daraus folgenden änderungen wälzten den Busverkehr komplett um. Berufsverkehre brachen weg, neue Schülerverkehre kamen hinzu. Aus dem Betriebsteil Personenverkehr des VEB Kraftverkehr Greiz ging die Personen- und Reiseverkehrs GmbH Greiz hervor, private Busunternehmen für Linien- und Gelegenheitsverkehr nahmen ihren Betrieb auf. 1997 wurde im Landkreis Greiz der Linienverkehr teilweise auf erdgasbetriebene Fahrzeuge umgestellt. Zeitweise waren 29 Fahrzeuge im Einsatz.

Wie weiter? (ein Kommentar)
Die Herausforderungen, die die Zukunft an den Busverkehr im Landkreis bringen wird, werden gewaltig sein. Durch die demographischen änderungen ist es schon lang überfällig, neue Wege zu gehen, die Verkehrsträger stärker aufeinander anzustimmen und miteinander zu verknüpfen. Ein erster Schritt war die Einführung des Anruftaxis zwischen dem Unteren Bahnhof in Zeulenroda und der Stadt. Leider stagniert es seit dieser Zeit. ähnliche Projekte in der Kreisstadt, zum Beispiel die Einrichtung eines Bedarfsbusses auf der Linie zu Krankenhaus und dessen Verknüpfung mit der Linie zum Laagweg wäre so ein weiterer Fortschritt. Auch der Beitritt zum Verkehrsverbund Thüringen würde für die Fahrgäste beträchtliche Verbesserungen bringen. Auch Projekte für flexible Bedienformen müssen auf lokale Verhältnisse zugeschnitten und eingeführt werden. Sonst wird der Nahverkehr bald unbezahlbar für Kunden und Aufgabenträger.
In eigener Sache: Vielen Dank an Frau Ströher-Mittelstädt (Thüringer Staatsarchiv Greiz) und Herrn Sobeck (Stadtarchiv Zeulenroda) für ihre Unterstützung.

Renè Kramer @30.06.2013

1 Kommentar zu 100 Jahre Busverkehr im Landkreis Greiz

  1. Hallo,

    sehr fein gemacht, wirklich klasse. Hast du auch ein Bild vom Wismut-Busplatz in Reißberg in deiner Sammlung? Wenn ja, das Bild würde nur im privaten Gebrauch verwendet und ich würde auch einen Obulas dafür zahlen.

    Gruß Thomas

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