Interview mit Jörg Casper, Büroleiter der KEM Kommunalentwicklung Mitteldeutschland GmbH Jena, zur Initiative „Wohnstandort Innenstadt“

Initiative Wohnstandort Greizer Innenstadt
Jörg Casper, Büroleiter der KEM Kommunalentwicklung GmbH Jena vor dem Objekt Rudolf - Breitscheid - Str. 41.

Derzeit brachliegende Greizer Immobilien und Baulücken sollen aktiv entwickelt werden

GREIZ. Gemeinsam mit der Greizer Freizeit und Dienstleistungs GmbH & Co. KG (GFD) und der Kommunalentwicklung Mitteldeutschland wurde durch die Stadt Greiz die Initiative »Wohnstandort Innenstadt« entwickelt, um derzeit brachliegende Immobilien und Baulücken aktiv zu entwickeln und neue Nutzer bzw. Eigentümer für die Greizer Innenstadt zu begeistern. Um dieses Ziel zu erreichen, haben elf Architekten- und Bauingenieurbüros Ideen für eine Neunutzung einzelner Gebäude oder brachliegender Flächen geschaffen.
Ich traf mich mit Jörg Casper von der KEM Kommunalentwicklung Mitteldeutschland GmbH Jena, um Informationen zum Gebäude Rudolf-Breitscheid-Str. 41 und zu den Ideen der Gestaltung zu bekommen:

Herr Casper, Sie sind als Büroleiter der KEM Kommunalentwicklung Mitteldeutschland GmbH Jena tätig. Können Sie zunächst einige Worte zu Ihrem Unternehmen sagen?
Wir sind ein mittelständisches Planungs-und Dienstleistungsunternehmen mit etwa 25 Mitarbeitern an den Standorten Dresden und Jena und hauptsächlich für Kommunen in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in den Geschäftsfeldern Stadt-und Regionalentwicklung, Standort-und Projektentwicklung, Kommunal-und Organisationsberatung, EU-Consulting und Fördermittelmanagement sowie Klimaschutz-und Energieeffizienzberatung tätig. Dieses breite Dienstleistungsspektrum anzubieten, wird durch eine interdisziplinäre Mitarbeiterstruktur möglich. So arbeiten beispielsweise Architekten, Stadtplaner, Geografen, Verwaltungsfachleute und Energieberater eng zusammen.

Wie sind Sie auf die Greizer Initiative „Wohnstandort Innenstadt“ aufmerksam geworden?
Wir haben als Sanierungsträger im Auftrag der Stadt Greiz die Initiative mit ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit auf leer stehende Bestandsimmobilien zu lenken, die für unterschiedlichste Neunutzungen ausreichend Potential besitzen. Mein persönliches Ziel ist es, damit interessante „Angebote“ für Bauherrengemeinschaften, neue Bewohner und Nutzer in der Stadt zu schaffen.

Warum fiel Ihr Augenmerk gerade auf das Haus Rudolf-Breitscheid-Straße 41?
Ortsansässige Architekten und Ingenieure hatten die Möglichkeit, aus einer Auswahl Gebäude oder Baulücken für eine planerische Bearbeitung auszusuchen. Dabei fanden nicht alle Gebäude einen Interessenten. Die Rolle der KEM ist eigentlich die Prozessmoderation, Information und Unterstützung, doch als die Stadt Greiz anfragte, ob wir uns auch selbst mit einem Gebäude auseinandersetzen würden, haben wir zugestimmt. Unter den verbliebenen Häusern schien uns – meinem Mitarbeiter Veit Bartholomäus, der die Bearbeitung übernahm, und mir – das Gebäude Breitscheid-Straße 41 das mit dem größten Potenzial, so etwa der Grundstückszuschnitt, das Freiflächenangebot, die großzügigen, entwicklungsfähigen Grundrisse und die einzelnen erhaltenen Ausbaudetails, wie Bleiglasfenster, Holzvertäfelungen und Kassettentüren. Als Eckgebäude ist das Haus zudem von besonderer Bedeutung für das Quartier. Auf historischen Zeichnungen haben wir den Charme der früheren Fassadengestaltung entdeckt und konnten daraus eine Vielzahl von Anregungen für eine Neugestaltung ableiten.

Wie könnten Sie sich eine Sanierung des Hauses und damit verbundene Neunutzung vorstellen?
Eine Möglichkeit für nahezu alle Häuser der Initiative ist, dass mehrere Interessenten, zum Beispiel junge Familien oder Bauherrengemeinschaften verschiedener Generationen gemeinsam eine Sanierung /Neunutzung verwirklichen. Wir wollten jedoch gezielt aufzeigen, welche besonderen Möglichkeiten dieses Gebäude bietet. Deshalb haben wir in zwei Varianten en breites Nutzungsspektrum dargestellt, etwa Wohnen inklusive Sonderwohnformen, Büroarbeit, soziale Betreuung etc. – um möglichst eine Vielzahl von Interessenten anzusprechen. Vorgeschlagene Ansätze wären beispielsweise Mehrgenerationswohnen mit Einliegerwohnung im 2. oder 3. Obergeschoss; betreutes Wohnen im Erdgeschoss; Verbindung von Wohnung und Betreuungsräumen einer Tagesmutter im Erdgeschoss – eine gewerbliche Nutzung im 1. Obergeschoss für eine Bürogemeinschaft wäre ebenfalls denkbar. Durch den Ausbau des Dachgeschosses könnte sogar eine großzügige Penthaus-Wohnung mit Terrasse geschaffen werden. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass auch eine schrittweise Sanierung/Neunutzung unter Einbeziehung von Eigenleistungen, ggf. unterstützt mit Mitteln der Wohnungs- oder Städtebauförderung sehr gut möglich ist und sich Interessenten nicht von einem scheinbar „fertigen“ Gesamtkonzept abschrecken lassen sollten.

Was würde ein potentieller Investor vorfinden?
Auf jeden Fall ein Haus mit Geschichte und Charakter, das individuelle Ideen anregt und ermöglicht, dessen Sanierung der Stadt am Herzen liegt, die deshalb Interessenten im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützen würde. Das Gebäude enthält zum Teil noch erhaltene repräsentative Ausbaudetails und verfügt über eine ausbaufähige Grundsubstanz.

Gab es Ideen Ihrerseits, die sich an diesem Gebäude nicht realisieren ließen?
Ja, so sind beispielsweise der Flächenoptimierung durch Teilen von Räumen oder Verschieben und Neuordnen von Wänden konstruktiv und gestalterisch Grenzen gesetzt. Es ist und bleibt ein Altbau – aber, das Haus hat Flair und bietet gute Möglichkeiten für eine zeitgemäße Neunutzung.

Wie haben Sie bei der Konzipierung des Gebäudes künstlerisches und technisches Verständnis verbinden können?
Für die Fassadengestaltung wurde auf die Einfassung der Fenster mit Gewänden und Ziergiebeln – in Anlehnung an das historische Vorbild – zurückgegriffen. In der weiteren Durcharbeitung könnte hierbei auch eine moderne Interpretation dieser Gestaltungselemente erfolgen. Der Ausbau des Dachgeschosses zu einer Penthouse-Wohnung mit umlaufender Terrasse bietet so eine Möglichkeit: für die Umsetzung sind entsprechende technische Kenntnisse und Detaillösungen erforderlich.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Es heißt, „Architektur ist Stein gewordene Musik“. Was hören Sie gern?
So vielfältig wie die wunderbare Architektursprache, die Details an vielen Gebäuden – so auch in diesem Gebäude der Breitscheid-Straße 41 – ist auch mein Musikgeschmack. Ich höre gern Klassik, etwa spanische Gitarre oder Klaviermusik; gern auch internationale Rockmusik, besonders von Queen; aber auch Deutschrock, etwa von Udo Lindenberg oder Silly. Weltmusik gehört auch zu meinen Favoriten; ich besuche häufig Konzerte in der Kulturarena Jena. Jazz, etwa von Chet Baker sowie Liedermacher, insbesondere Reinhard Mey oder auch Klavierkabarett in Reimkultur von Bodo Wartke gehören auch zu meinem musikalischen Geschmack. Gelegentlich höre ich auch die jeweils aktuelle Musik, mit der mich unsere Kinder „konfrontieren“.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
Das Interview führte Antje-Gesine Marsch @03.04.2014

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