Aus alten Zeiten: Der Wilde Jäger und der Forstwart

Der Hirschstein
Der Hirschstein - hier eine historische Ansicht - spielt in der Sage vom Wilden Jäger eine Rolle.

Sage um den Forstwart führt in die Greizer Parkgasse und die Gegend um den Hirschstein

GREIZ. In der Parkgasse wohnte einmal ein Forstwart, der sich auf seinen Beruf wie kein anderer verstand. Da geschah es einmal im Herbst, dass er eines Abends spät aus dem Bett geklopft wurde. Er trat ans Fenster und öffnete einen Flügel, um zu fragen was es gäbe. Da sah er draußen auf dem Fenstersockel einen frisch geschossenen Hasen im fahlen Mondlicht liegen.
Nicht weit davon bemerkte er eine hohe, stattliche Gestalt, nach Jägerart gekleidet. Sie trug eine Jagdtasche an der einen, das Hifthorn an der anderen Seite und auf dem Kopf einen spitzen, keck sitzenden Hut mit langer Feder.
Die Gestalt gab dem Forstmann mit Gebärden zu verstehen, er möge den Hasen zu sich ins Zimmer nehmen und ihr dann folgen. Der Forstwart wusste aber sehr wohl, wer der fremde stattliche Mann im Jägerkleid war. Er erkannte in ihm den Wilden Jäger, denn er hatte ihn bisweilen im Revier an ganz unzugänglichen Stellen von ferne gesehen, jedoch immer nur für einen kurzen Augenblick, denn wenn er ihn aus der Nähe betrachten wollte, war er wie ein Nebel verschwunden.
Der Forstwart scheute sich aber, den Hasen an sich zu nehmen. Er ließ ihn liegen, schloss das Fenster und tat, als ob er nichts bemerkt habe.
Da hörte er, wie der wilde Jäger in sein Horn stieß und mit lauten “Hoho-Huhu” auf und davon durch den Park trabte, dem Hischstein zu.
Der Hase war aber am nächsten Morgen verschwunden.
In der Nacht des folgenden Tages, zwischen elf und zwölf Uhr, saß der Forstmann wieder in seinem Zimmer und putzte noch zu später Stunde seine Jagdbüchse. Da pochte es wiederum, diesmal heftiger als am Tag zuvor an sein Fenster. Er öffnete und wieder lag ein frisch geschossener Hase auf dem Fensterstock.
Auch der Wilde Jäger stand wieder da und winkte gebieterisch dem Forstmann, dass dieser ihn begleite. Der schloss schnell wieder das Fenster, blies die Lampe aus und ging zu Bett. Von nun an pochte es jeden Abend und immer heftiger und herausfordernder an das Fenster des Weidmannes – aber auch immer einladender und verlockender wurden die Gebärden des Wilden Jägers – immer lustiger und verführerischer klangen die Töne seines Hifthorns und immer fetter und begehrlicher erschien ihm der allabendlich vor dem Fenster liegende Hase, der am nächsten Morgen immer wieder verschwunden war.
Welcher Forstmann kann aber auf Dauer den Künsten und Lockungen des Wilden Jägers widerstehen?
Und so wurde sein Widerstandswille immer schwächer, und immer mehr fand er Gefallen an der schmucken Jägergestalt und der Ton des Hifthorns weckte bei ihm von Tag zu Tag stets größere Jagdleidenschaft.
Weil er aber ein frommer Mann war, ging er zum Diakonus von Greiz, vertraute sich ihm an und klagte ihm seine Gewissensnot. Der Diakon versprach ihm Beistand und ihm zu helfen, von dem allnächtlichen Quälgeist befreit zu werden. Zu der Zeit, in der der Wilde Jäger sich einzustellen pflegte, besuchte der Gottesmann den Forstmann in dessen Wohnung.
Kaum war er in die Stube getreten, da schlug es auch schon donnernd gegen die Fensterscheiben. Und wieder stand der Wilde Jäger draußen mit drohender und gebietender Gebärde, als wolle er dem Forstmann befehlen ihm zu folgen.
Als aber der Grünrock den Geistlichen in seiner Amtskleidung erblickte, fuhr er vor Schreck zusammen und wich verstört zurück. Den geistlichen Beistand seines Opfers als seinen größten Feind hatte er nicht erwartet. Dann unterbrach wildes Peitschengeknall, wütendes Hundegebell und lautes “Ho-Hee”-Geschrei die Stille der Nacht und von weit hinter dem Hirschstein verklangen die schrillen Töne des Hifthorns.
Von Stund‘ an hatte der Forstwart Ruhe vor dem Wilden Jäger. Zuweilen hörte er auf seinen nächtlichen Pirschgängen dessen Jagdhorn aus der Ferne erklingen – zu Gesicht bekam er ihn aber nicht mehr.

(Quelle: Sage nach Franz Weidmann)

Antje-Gesine Marsch @24.08.2018