Thüringer Zahnärzte warnen vor Einschnitten bei der zahnärztlichen Versorgung – insbesondere bei der kieferorthopädischen Behandlung

Die Zahnärzte in Thüringen warnen vor massiven Einschnitten in die zahnmedizinische Versorgung. Hintergrund ist der Entwurf der Bundesregierung für ein Gesetz zur Stabilisierung der Beiträge in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Das geplante Gesetz sieht unter anderem vor, dass in die Vergütungsstrukturen eingegriffen wird und somit Lohn- und Honorarsteigerungen nicht umgesetzt werden. Dies wird die Zahnarztpraxen und deren Angestellte treffen, obwohl die Zahnmedizin kein Kostentreiber bei den steigenden Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen ist. Ihr Anteil an den Gesamtausgaben der GKV sank seit der Jahrtausendwende von knapp 9 auf 5,7 Prozent.

Zahnmedizin ist ausgabenstabilster Versorgungsbereich

Damit gilt die Zahnmedizin als der ausgabenstabilste Versorgungsbereich. Die aktuelle Sparpolitik jedoch hemmt die Niederlassungswilligkeit des zahnärztlichen Nachwuchses und gefährdet damit die medizinische Versorgung der gesamten Thüringer Bevölkerung, befürchten die Kassenzahnärztliche Vereinigung Thüringen und die Landeszahnärztekammer Thüringen. Dies sei bei der derzeitigen Altersstruktur der Thüringer Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht vertretbar, so KZV und Kammer.

Prävention ist nicht nur ein gesundheitlicher, sondern auch ein monetärer Erfolg. So hat die Bevölkerung in allen Altersklassen immer mehr eigene und gesunde Zähne. Dieser Trend hält seit Jahren an und ist in der Deutschen Mundgesundheitsstudie auch klar ablesbar. Für diesen Erfolg steht die Zahnärzteschaft mit ihren Teams zum Wohle der Patienten.

Der präventive Erfolg mit immer weniger Füllungen und Zahnersatz darf nicht für den ideologischen Erhalt versicherungsfremder Leistungen geopfert werden. Strukturelle Veränderungen im System sehen anders aus!

Besonders unverständlich ist die Einsparmaßnahme bei kieferorthopädischen Leistungen gesetzlich versicherter Patienten. Diese Behandlungen sollen künftig ausschließlich von Fachzahnärzten für Kieferorthopädie zu Lasten der Krankenkasse erbracht werden dürfen.

Derzeit versorgen in Thüringen etwa 90 Praxen ohne Fachzahnarzt-Titel für Kieferorthopädie etwa 11.300 Kinder und Jugendliche. Mit der geplanten Regelung würden diese Kapazitäten ersatzlos entfallen.

Versorgungslücken im ländlichen Raum

Bereits heute ist die kieferorthopädische Versorgung in weiten Teilen Thüringens sehr angespannt. „Schon jetzt hat der Landkreis Sonneberg keinen Kieferorthopäden. Bei einer Umsetzung des Gesetzentwurfes würde auch das Eichsfeld in eine NULL-Versorgung fallen“, warnt Dr. Knut Karst, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Thüringen. Weitere sieben Kreise würden in eine Unterversorgung abrutschen. In Suhl, Weimar und Gera wäre die Versorgung noch gewährleistet, da sich hier genügend Kieferorthopäden mit Fachzahnarzt-Titel niedergelassen haben.

„Dieser gesundheitspolitische Kahlschlag schafft keine Einsparungen, sondern neue Versorgungslücken“, kritisiert Dr. Karst. „Wenn eine kieferorthopädische Behandlung nur noch dort möglich ist, wo genügend Fachzahnärzte ansässig sind, entscheidet künftig der Wohnort über den Zugang zur medizinischen Versorgung“, so der 54-jährige niedergelassene Zahnarzt aus Ilmenau. Das geplante Bundesgesetz läuft insbesondere in Thüringen gegen die Bemühungen der zahnärztlichen Selbstverwaltung und der Brombeer-Koalition um eine wohnortnahe und flächendeckende Versorgung in einem „20-Minuten-Land“ zuwider.

„Neben den Fachzahnärzten für Kieferorthopädie sichern kieferorthopädisch tätige Zahnärzte und Master seit Jahren die Versorgung in der Fläche“, ergänzt Dr. Ralf Kulick, Präsident der Landeszahnärztekammer Thüringen. „Wer diese bewährten Behandlungsstrukturen zerschlägt, nimmt bewusst in Kauf, dass später komplexe und teure Therapien notwendig werden. Behandlungskapazitäten ohne verfügbaren Ersatz einfach zu streichen, ist eine ethisch absolut unverantwortliche Rationierung der medizinischen Versorgung unserer Kinder“, so der 63-jährige Zahnarzt aus Jena.

Politische Forderungen der Zahnärzteschaft

Die Thüringer Zahnärztinnen und Zahnärzte fordern deshalb, die geplanten Einschnitte und den Fachzahnarzt-Vorbehalt aus dem Gesetzentwurf zu streichen.

Eckdaten der Zahnmedizin in Thüringen:

  • etwa 2.900 Zahnärztinnen und Zahnärzte insgesamt
  • davon etwa 1.800 berufstätig
  • davon 1.465 Vertragszahnärztinnen und Vertragszahnärzte in der Gesetzlichen Krankenversicherung
  • etwa 1.100 Praxisstandorte